Warum AD(H)S verstehen allein oft nicht reicht
- vor 16 Stunden
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Viele Frauen mit AD(H)S kennen diesen einen Satz, der im Hintergrund ihres Lebens mitläuft:„Ich will endlich stabil sein.“
Stabil sein heißt für sie...
...sich auf sich selbst verlassen können,
den Tag nicht jedes Mal neu erfinden zu müssen,
nicht davon abhängig zu sein, ob das Gehirn heute „mitspielt“ oder nicht.
Es bedeutet, nicht ständig neu anzufangen, nicht im Chaos der eigenen Ideen unterzugehen und im Alltag eine Form von Sicherheit zu spüren – gerade dann, wenn hormonelle Veränderungen in der Perimenopause noch einmal alles durcheinanderbringen.
Dieses Bedürfnis nach innerer und äußerer Stabilität ist zutiefst menschlich – und absolut legitim. Gleichzeitig ist das Bild, das viele von Stabilität im Kopf haben, oft an einem Maßstab orientiert, der für ein ADH()S-Gehirn, in einem weiblichen Körper, der gerade die Perimenopause durchlebt, schlicht nicht möglich ist.
Der große Irrtum: Stabilität als fixer Zustand
Viele Frauen mit ADHS glauben (oder haben es so gelernt): „Wenn ich nur genug weiß, genug verstehe, finde ich endlich die richtige Methode und werde ich stabil.“
Diese Vorstellung folgt einem linearen Modell: Wissen → Umsetzung → Stabilität. In der Realität von ADHS ist dieser Weg jedoch alles andere als linear. ADHS ist, neuropsychologisch betrachtet, vor allem eine Störung der Exekutivfunktionen – also der Fähigkeit, Wissen in Handlung zu übersetzen, Verhalten zu steuern, Prioritäten zu setzen und Emotionen zu regulieren.
Hinzu kommt: In der Perimenopause verschieben sich durch fallende und schwankende Östrogen- und Progesteronspiegel genau die neurochemischen Bedingungen, die für Aufmerksamkeit, Emotionsregulation und Arbeitsgedächtnis wichtig sind. Östrogen unterstützt dopaminerge Systeme im präfrontalen Kortex, die für Planung, Fokus und Impulskontrolle zentral sind; wenn der Spiegel sinkt, können sich AD(H)S-Symptome verstärken. Progesteron wirkt unter anderem über das GABA-System beruhigend – fällt es ab, nehmen viele Frauen mehr Reizbarkeit, emotionale Instabilität und Schlafstörungen wahr.
Stabilität ist unter diesen Bedingungen kein einmal erreichter Endzustand, sondern eher ein Prozess: ein fortlaufendes Wiederausrichten in einem System, das hormonell, emotional und kontextuell immer in Bewegung bleibt.
Warum Wissen nicht reicht
Du kannst jedes Buch lesen, jeden Podcast hören, jeden Hack kennen – und trotzdem morgens vor deinem Kalender sitzen und wie eingefroren sein. Das ist kein persönliches Versagen, sondern Ausdruck der neurobiologischen Besonderheiten bei AD(H)S.
Wissen scheitert an mehreren Punkten:
Umsetzung braucht Exekutivfunktionen: Planen, Anfangen, Dranbleiben, Priorisieren – genau diese Funktionen sind bei AD(H)S beeinträchtigt.
Emotionale Regulation passiert im Nervensystem: Wenn das Nervensystem in Alarm ist, sind „kluge Strategien“ kognitiv zwar verfügbar, aber praktisch nicht abrufbar.
Alltag ist dynamisch: Routinen, die in einer Phase funktionieren, brechen in Stress- oder Belastungsphasen weg, weil sich Kontext und Anforderungen ändern.
Hormone verändern die Ausgangsvorraussetzungen: In der Perimenopause verstärken Östrogen- und Progesteronschwankungen Aufmerksamkeitsprobleme, Stimmungsschwankungen und Schlafstörungen – alles Faktoren, die Exekutivfunktionen zusätzlich schwächen.
Stress verschlechtert den Zugriff auf Strategien: Unter Stress reduziert das Gehirn den Zugang zu frontalen Netzwerken. Genau dort passiert Planung, Reflexion und Selbststeuerung.
Neuropsychologe Russell Barkley beschreibt AD(H)S als Störung des „Doing what you know“. Nicht des Wissens selbst. Du kannst also sehr genau wissen, was Du tun solltest, es wollen – und es trotzdem nicht tun können.
Das ist AD(H)S, besonders spürbar in Lebensphasen, in denen Dein Körper hormonell im Umbau ist.
Der gesellschaftliche Mythos von Stabilität
Unsere kulturelle Vorstellung von Stabilität ist stark geprägt von einem Ideal, das vor allem lineare Leistung, Konstanz und Produktivität feiert. Dieses Ideal entspricht:
linearem Leistungsdenken: Fortschritt wird als stetige, aufwärts gerichtete Kurve verstanden – ohne Einbrüche, ohne Zyklen.
neurotypischen Erwartungen, an Zeitgefühl, Aufmerksamkeitssteuerung und Emotionsregulation werden an Gehirnen gemessen, die anders ticken als Deins.
konstanten Arbeitsstrukturen: 9-to-5, gleichbleibende Performance, geringe Reizoffenheit – ein System, das auf vorhersagbare Linearität optimiert ist.
All das basiert auf dem männlichen Normkörpern: Viele medizinische als auch arbeitsbezogene Standards orientieren sich historisch an männlichen Hormonverläufen ohne zyklische Schwankungen.
Viele Frauen mit AD(H)S in der Perimenopause vergleichen sich mit einem Referenzsystem, das weder ihren neuronalen, noch ihren hormonellen Realität entspricht. Das erzeugt falsche Hoffnungen („Wenn ich mich nur genug anstrenge, kann ich so funktionieren wie alle anderen“) und nährt tiefe Selbstzweifel, wenn das trotz massivem Einsatz nicht gelingt.
Wenn Du Stabilität an einem Standard misst, der Deinen Körper und Dein Gehirn systematisch ignoriert, fühlst Du Dich zwangsläufig „zu wenig“ – und verpasst gleichzeitig die Chance, eine Form von Stabilität zu definieren, die wirklich zu Dir passt.
Was Stabilität mit AD(H)S wirklich bedeutet
Stabilität für eine Frau mit AD(H)S in der Perimenopause sieht selten so aus, wie es in Selbstoptimierungs-Posts versprochen wird. Sie bedeutet nicht:
jeden Tag gleich gut zu funktionieren
keine Schwankungen mehr zu haben
perfekte Routinen zu halten, egal was passiert
Aus einer nervensystemorientierten Perspektive lässt sich Stabilität eher so verstehen:
Rückkehrfähigkeit: Du fällst aus deiner Mitte – aber Du findest wieder zu Dir zurück. Nicht sofort, nicht perfekt, aber spürbar.
tragfähige Systeme: Du baust äußere Strukturen (Kalender, Erinnerungen, Verabredungen, Vereinbarungen), die Deine inneren Schwankungen abfedern.
Vorhersagbarkeit Deiner Muster: Du kennst deine Zyklen, Deine hormonellen Phasen, Deine typischen Stressreaktionen und kannst den Alltag grob daran ausrichten.
Sicherheit trotz Unsicherheit: Du weißt, dass Du nicht jeden Tag gleich „performen“ wirst – und entwickelst dennoch ein Grundgefühl von innerer Sicherheit und Selbstvertrauen.
Inneres stabiles Leben könnte dann etwa so aussehen:
Du verstehst, warum Du wie reagierst (AD(H)S + Hormone + Kontext) und interpretierst Schwankungen nicht mehr automatisch als persönliches Scheitern.
Du hast Werkzeuge, um Dein Nervensystem zu beruhigen (z.B. Atemtechniken, Pausenstrukturen, sensorische Regulation) und nutzt sie nicht perfekt, aber immer öfter.
Äußere Stabilität zeigt sich zum Beispiel darin, dass:
Dein Alltag durch wenige, aber robuste Anker strukturiert ist (z.B. fixe Schlafzeiten, vereinbarte Termine, visuelle Erinnerungen), die auch dann halten, wenn Deine Energie schwankt.
du Verpflichtungen realistischer wählst, Puffer einplanst und nicht mehr so tust, als könntest du 24/7 funktionieren wie in einem linearen, hormonell gleichbleibenden Körper.
Stabilität wird so weniger zu einem starren Zustand und mehr zu einer beweglichen Fähigkeit: der Fähigkeit, mit Dir selbst mitzugehen, statt Dich permanent gegen Dein eigenes Nervensystem zu stellen.
Warum Begleitung so einen Unterschied macht
Bücher, Podcasts und Reels sind wertvoll – sie geben Sprache, Verständnis und Aha-Momente. Sie können Dir erklären, was Exekutivfunktionen sind, warum Hormone deine Symptome verstärken oder weshalb Du nicht „zu wenig Willenskraft“, sondern ein anderes neurobiologisches Setup hast.
Was sie nicht können:
sie passen die Strategien nicht an Deine konkrete Lebensrealität an (Beruf, Care-Arbeit, Zyklus, Perimenopause, Beziehungen).
sie gehen nicht mit Dir durch Deinen Alltag, durch echte Rückfälle, Überforderung, Zyklusabstürze oder hormonelle Tiefs.
sie helfen Dir nicht, Deine Muster im Längsschnitt zu erkennen und Systeme aufzubauen, die diese Muster abfangen.
sie bieten kein co-reguliertes Gegenüber, das Dein Nervensystem beruhigt, Scham reduziert und Dich daran erinnert, dass Du nicht „kaputt“ bist.
Gerade bei AD(H)S zeigt die Forschung, dass strukturierende, wiederholte und anpassungsorientierte Unterstützung (z.B. Coaching, therapeutische Begleitung) wesentlich dazu beiträgt, Strategien tatsächlich in den Alltag zu integrieren. Veränderung entsteht meist über drei Prozesse:
Iteration: Du probierst Strategien aus, scheiterst, passt an – und machst weiter.
Spiegelung: Jemand von außen hilft Dir, Muster zu sehen, die Du von innen nicht erkennen kannst.
Anpassung: Dein System wird nicht an ein starres Programm angepasst, sondern die Strategien werden an Dein System angepasst.
Genau das ist der Kern von ADHS-sensitivem Coaching: nicht „noch mehr Wissen“, sondern ein lebendiger Prozess, in dem Du mit Deiner individuellen Neurobiologie, Deinen Hormonen und Deinem Alltag arbeiten lernst – statt permanent dagegen.
Hoffnung ohne falsche Versprechen
Du wirst nie jeden Tag gleich funktionieren und das ist ganz normal. Dein Gehirn ist anders verdrahtet, Dein Körper durchläuft mit der Perimenopause eine reale hormonelle Übergangsphase, und Dein Leben bleibt dynamisch.
Aber du kannst:
Dich selbst tiefgreifender verstehen – neurobiologisch, hormonell, psychologisch – und damit aufhören, Dich an falschen Normen zu messen.
Dein Leben so gestalten, dass es tragfähiger wird: mit Systemen, die Schwankungen einkalkulieren, statt sie zu leugnen.
schneller zurückfinden, wenn Du aus der Balance fällst, weil Du Deine Muster und Regulationsmöglichkeiten kennst.
ein Gefühl von innerer Sicherheit entwickeln, das nicht davon abhängt, ob Du heute „perfekt funktionierst“.
Das sind keine magischen Versprechen – aber sie sind realistische, neurobiologisch fundierte Möglichkeiten. Und sie reichen aus, um Dein Erleben von Stabilität grundlegend zu verändern.
Dein nächster Schritt in Richtung Stabilität
Wenn Du merkst, dass Wissen allein Dein Leben mit ADHS – besonders in der Perimenopause – nicht stabiler macht, ist das kein Zeichen von Scheitern, sondern ein Hinweis deines Nervensystems: Du brauchst Beziehung, Struktur und Anpassung, nicht nur Input.
In meinem 12‑Wochen-Programm arbeiten wir genau daran: Wir übersetzen Wissen in alltagstaugliche Systeme, die Deine hormonellen Zyklen, Dein AD(H)S-Gehirn und Deine Lebensrealität mitdenken – und wir tun das in einem sicheren Rahmen, in dem Du Dich nicht erklären musst, sondern so wie Du bist, denkst, fühlst genau richtig bist.
Herzliche Grüße
Anja




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