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Das psychologisieren von AD(H)S Symptomen bei Frauen

Warum AD(H)S Symptome vor allem bei Frauen häufig psychologisiert werden und was das übersehen der eigenen Neurobiologie häufig für sie bedeutet.


Mir sitzen regelmäßig Frauen gegenüber, die in den ersten Coaching-Minuten bereits zehn psychologische Erklärungen für ihre Schwierigkeiten liefern. Dabei sehe ich gleichzeitig sehr klar ein ADHS‑Muster, vielleicht erkennst du dich darin wieder:




Du sprichst von Glaubenssätzen, Bindungsstil, innerem Kind, Selbstsabotage, „Beziehungsunfähigkeit“ oder „unerledigten Themen“.


Jedoch fehlt oft ein entscheidendes Puzzlestück: 

Dein Gehirn funktioniert neurodivergent. Und genau das wurde dir jahrelang nicht gesagt.


In diesem Text möchte ich dich mitnehmen in etwas, dass ich in meiner Coachingarbeit mit erwachsenen Frauen mit ADHS immer wieder erlebe: Wie es dazu kommt, dass deine Schwierigkeiten vor allem psychologisiert wurden und warum es so entlastend (und gleichzeitig schmerzhaft) sein kann, deine Neurodivergenz endlich nicht mehr nur auf psychischer Ebene zu betrachten.




  1. Wenn alles „innerlich“ erklärt werden muss


Vielleicht kennst du Sätze wie:


  • „Ich bin halt jemand, der ständig Drama anzieht.“

  • „Ich sabotiere mich selbst, anders kann ich mir mein Chaos nicht erklären.“

  • „Ich bin undiszipliniert, deswegen breche ich immer alles ab.“

  • „Ich bin einfach zu sensibel für diese Welt.“

  • „Ich kann mich nicht fokussieren, weil tief in mir irgendwas nicht geheilt ist.“


Wenn du lange ohne ADHS‑Diagnose unterwegs warst, ist es völlig logisch, dass du versuchst, dein Erleben mit den Modellen zu erklären, die du kennst.

Du nimmst dein Verhalten wahr: Verspätungen, Chaos, impulsive Entscheidungen, Deine emotionalen Reaktionen und suchst nach einer Bedeutung:


  • „Was stimmt nicht mit mir?“

  • „Warum kriege ich Dinge nicht hin, die für andere selbstverständlich sind?“

  • „Was ist "falsch" an mir?“


Was dabei fast immer passiert: Du gehst davon aus, dass die Ursache in deiner Persönlichkeit, deiner Psyche, deiner Kindheit liegen MUSS. Du bist ja ein reflektierter Mensch. Also suchst du reflektierte Erklärungen.

Das Ergebnis ist dann oft, nach einiger Zeit, ein dickes inneres Dossier über dich selbst, voll mit Konzepten, Diagnosen, Etiketten. Und trotzdem keine wirkliche Erleichterung im Alltag.



  1. Was ich mit „psychologisieren“ meine


Wenn ich hier von „psychologisieren“ spreche, meine ich nicht, dass psychologische Erklärungen falsch oder unwichtig sind. Ich arbeite selbst mit Anteilsmodellen, mit Glaubenssätzen etc.. Denn das alles kann enorm hilfreich sein.


Problematisch wird es dort, wo:


  • wiederkehrende Schwierigkeit ausschließlich als innerer Konflikt, Trauma oder Charaktermangel gelesen werden,

  • dein Nichtgelingen in Alltagsdingen (Organisation, Zeit, Prioritäten, Dranbleiben) moralisch aufgeladen wird („Ich bin faul.“, „Ich sabotiere mich.“),

  • du den Eindruck bekommst: „Wenn ich nur genug an mir arbeite, müsste ich doch irgendwann funktionieren wie alle anderen.“


Psychologisieren bedeutet in diesem Kontext:

Du suchst immer neue emotionale oder charakterliche Gründe, warum du nicht so funktionierst wie andere, ohne die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass dein Gehirn/Nervensystem schlicht anders aufgebaut ist.



  1. Warum gerade Frauen mit ADHS so viel psychologisieren


Es gibt einige Gründe, die dieses „Alles psychologisch erklären“ fast erzwingen. Das wir Frauen mit ADHS oft psychologisierend denken, haben wir uns also NICHT ausgesucht.


  1. Späte oder keine Diagnose


Die Themen vieler Frauen mit ADHS werden jahrelang so eingeordnet, dass der Fokus ausschließlich auf dem psychologischen liegt:


  • „Sie sind depressiv.“

  • „Das ist halt eine Anpassungsstörung.“

  • „Da sehe ich Borderline‑Tendenzen.“

  • „Sie sind einfach sehr sensibel, vielleicht hochsensibel.“

  • „Vielleicht ist es Burnout.“


Diese Aussagen und Diagnosen sind ein Teil der Wahrheit. Aber wenn ADHS dahintersteht und niemand diese Möglichkeit überhaupt anspricht, entsteht ein gefährlicher Tunnelblick: Alles wird zu einem psychischen Problem, das du irgendwie „aufarbeiten“ musst.


Das der Unterschied zwischen Neurodivergenz und psychologischen Krankheiten häufig untergeht, liegt auch daran, dass beides unter ähnlichen Umständen diagnostiziert wird. Die Behandlung muss jedoch grundsätzlich anders erfolgen, da es sich um unterschiedliche Ursachen handelt:


Die Unterschiede zwischen den Ursachen von Neurodivergenz und psychologischen Krankheiten findest hier in diesem Blogartikel.



  1. Weibliche Sozialisation


Als Mädchen und Frauen lernen wir früh: Du bist für Beziehungen, Harmonie und Emotionalität zuständig. Wenn etwas nicht funktioniert, suchst du den Fehler bei dir. Du fragst dich:


  • „Bin ich zu viel?“

  • „Bin ich zu empfindlich?“

  • „Bin ich zu schwierig?“

  • „Bin ich nicht belastbar genug?“


Ein verpeilter, impulsiver Junge wird eher als „Zappelphilipp“ gelesen. Ein verpeiltes, impulsives Mädchen wird eher als „emotional“, „anstrengend“ oder „dramatisch“ gedeutet. Also wieder psychologisch, nicht neurodivergent.


  1. Masking und Überkompensation


Viele meiner Klientinnen haben über Jahre oder Jahrzehnte Strategien entwickelt, um ihre inneren Schwierigkeiten nach außen zu kaschieren. Häufig sind diese:


  • Perfektionismus in bestimmten Bereichen, um das Chaos in anderen zu verstecken

  • Übernehmen von Verantwortung und Care‑Arbeit, um "nett" und "zuverlässig" zu wirken und das Gefühl zu bekommen gebraucht zu werden.

  • People Pleasing, um Kritik zu vermeiden

  • Hohe Leistungsbereitschaft, um sich selbst zu beweisen, dass sie „nicht faul“ ist


Wenn dieses fragile System irgendwann zusammenbricht, durch Überlastung, Mutterschaft, Jobwechsel, Krankheit, interpretieren viele Frauen das zunächst wieder psychologisch:


  • „Ich bin schwach“

  • „ich habe ein Trauma, das jetzt hochkommt“

  • „ich verliere die Kontrolle“


Dass ihr Nervensystem jahrelang weit über der Belastungsgrenze lief, kommt oft gar nicht als Option vor.



  1. Wie sich psychologisiertes ADHS im Alltag anfühlt


Um es greifbarer zu machen, ein paar typische Szenen, wie sie mir im Coaching immer wieder begegnen:


  1. Du kommst ständig zu spät und bist überzeugt, dass du „unbewusst Widerstand“ leistest oder Dir dieser Termin nicht wichtig genug ist.


    Die einfache Alternative, dass Zeitwahrnehmung und Planung bei ADHS anders funktionieren, wird selten genannt.


  2. Du brichst Projekte ab, verlierst das Interesse, wechselst Jobs oder Hobbys und deutest das als „Sprunghaftigkeit“, oder „fehlendes Durchhaltevermögen“.


    Tatsächlich handelt es sich hier um ein typisches Muster von Dopamin‑gesteuerter Motivation bei ADHS.


  3. Du reagierst emotional stark, bist schnell verletzt, überfordert, aufgebracht und hältst dich für „zu empfindlich“, „borderline‑haft“ oder „dramatisch“.


    Dabei ist emotionale Dysregulation ein zentrales Merkmal von ADHS.


  4. Du hast einen riesigen Rucksack voll Selbstanalyse, kannst deine Themen detailliert beschreiben, aber dein Alltag bleibt trotzdem zäh, chaotisch und erschöpfend. Du weißt viel über dich und kommst trotzdem nicht so ins Handeln, wie du es dir wünschst.


All das kann psychologische Komponenten haben. Aber wenn du versuchst, ein neurobiologisches Muster nur mit psychischen Erklärungen zu lösen, bleibst du oft in einem quälenden Kreislauf stecken.



  1. ADHS macht Verletzungen wahrscheinlicher – nicht deine Schuld größer


Etwas, das oft untergeht: ADHS „erzeugt“ nicht automatisch Traumata, aber es erhöht die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens immer wieder in Situationen zu geraten, die überfordern, beschämen oder verletzen.


Wenn du ein Gehirn hast, das schneller überreizt ist, Schwierigkeiten mit Struktur und Zeit hat und emotional intensiver reagiert, dann ist es für Dich, in dieser Welt, wie sie gerade organisiert ist, schlicht härter zu navigieren. Das bedeutet:


  • Du gerätst häufiger in Konflikte, Missverständnisse und Überforderungen

  • Du wirst öfter kritisiert, abgewertet oder als „zu viel“ erlebt

  • Du erlebst mehr Scheitern im Außen (Schule, Ausbildung, Job, Beziehungen), obwohl du dich überdurchschnittlich anstrengst


Aus dieser Häufung entstehen nicht selten echte Traumafolgen, d.h. Leistungs‑, Beziehungs‑, oder Selbstwertverletzungen, die sich tief einprägen. Nicht, weil du „empfindlicher“ bist als andere im pathologischen Sinn, sondern weil dein Nervensystem und dein Umfeld dauerhaft nicht gut zusammengepasst haben.



  1. Intensive Gefühle sind kein Defekt – sie gehören zu dir


Viele Frauen mit ADHS wünschen sich nichts sehnlicher, als ihre starken Gefühle endlich loszuwerden: die Wucht von Kränkung, Wut, Begeisterung, Überforderung, Verzweiflung.


Die psychologische Brille verspricht manchmal: „Wenn du nur deine Muster, dein inneres Kind, deine Glaubenssätze genug bearbeitest, wirst du irgendwann stabil, ausgeglichen und gelassen – so wie die anderen.“


Die ehrliche Antwort ist oft eine andere:


  • Deine emotionale Intensität ist zu einem großen Teil Ausdruck deiner neurodivergenten Wahrnehmung

  • Du wirst vermutlich immer tiefer fühlen, schneller in Resonanz gehen, stärker auf Reize reagieren als der Durchschnitt

  • Viele deiner „emotionalen Muster“, die du so gern loswerden würdest, sind nicht einfach schlechte Angewohnheiten, sondern Teil deiner neurobiologischen Realität


Das heißt nicht, dass du ausgeliefert bist. Es heißt aber, dass das Ziel nicht sein kann, deine erlebte Realität "wegzutherapieren", sondern zu lernen, wie du mit ihr leben, sie regulieren und verantwortlich ausdrücken kannst.


Psychologisieren versucht oft, das Unbequeme zu eliminieren:

„Wenn ich das Muster verstehe, kann ich es ablegen.“


Bei ADHS ist es hilfreicher, von Integration zu sprechen:

Ja, du kannst Trigger verstehen, alte Verletzungen heilen, neue Strategien lernen.

Nein, damit wirst du nicht zu einem Menschen, der plötzlich nur noch mild, gleichmäßig, immer rational reagiert.


Stattdessen darfst du dir sagen:

„Diese Emotionalität gehört zu meiner Lebensrealität.

Sie wird nicht verschwinden, wenn ich sie lange genug analysiere.

Ich darf lernen, sie zu halten, zu steuern, zu schützen – und auch zu nutzen.“


Dann verschiebt sich der Fokus:

Weg von „Wie werde ich endlich diese Teile los, die mich stören?“.

Hin zu „Wie kann ich mit meiner Art zu fühlen leben, ohne mich zu verlieren und ohne mich permanent zu verurteilen?“.


Genau dort liegt oft der Wendepunkt: Wenn du aufhörst, deine Intensität als Störung zu betrachten, die weg muss, und beginnst, sie als festen Bestandteil deiner neurodivergenten Identität zu integrieren. Nicht romantisiert, nicht dramatisiert, sondern nüchtern, liebevoll und verantwortungsvoll.



  1. Dein Gehirn ist kein Charakterfehler


ADHS ist keine Modeerscheinung und keine Ausrede. Es ist eine andere Art, wie Gehirn und Nervensystem Reize, Zeit, Motivation, Emotionen und Prioritäten verarbeiten.


Wenn du versuchst, das, was bei dir neurobiologisch anders läuft, ausschließlich mit „inneren Anteilen“, „unverarbeiteten Themen“ oder „falschen Glaubenssätzen“ zu erklären, bleibst du immer in der Logik:

„Wenn ich innerlich genug an mir arbeite, werde ich irgendwann so funktionieren wie alle anderen.“


Die ehrlichere, entlastendere Perspektive könnte lauten:

Du wirst vermutlich nie wie alle anderen funktionieren. Und genau das ist in Ordnung. Dein Ziel ist nicht, eine „bessere Version von neurotypisch“ zu werden.

Dein Ziel ist, eine stimmige Version von dir selbst zu leben, und das MIT deinem ADHS, nicht gegen es. Psychologie ja – aber auf einem ADHS‑sensiblen Fundament.


In meiner Coachingarbeit erlebe ich die stärksten Veränderungen dort, wo wir beides zusammenbringen:


  • die psychologische Ebene (innere Anteile, Bindungsmuster, alte Verletzungen, Glaubenssätze),

  • und die neurobiologische Ebene (ADHS‑Kerne, Nervensystemregulation, Dopamin, Exekutivfunktionen, Reizoffenheit).


Das bedeutet zum Beispiel:


  • Wenn wir mit dem inneren Kind arbeiten, schauen wir nicht nur: „Was hat dich verletzt?“, sondern auch: „Wie wurde dein Anderssein damals bewertet? Wo warst du schlicht überfordert? Wo hat niemand gesehen, dass dein Gehirn anders sortiert?“

  • Wenn wir deine Glaubenssätze anschauen („Ich bin faul“, „Ich kriege nichts hin“), betrachten wir gleichzeitig die realen Bedingungen, unter denen du funktionieren solltest: zu wenig Struktur, zu viel Reiz, zu hohe Ansprüche, null Berücksichtigung deiner Neurodivergenz.

  • Wenn wir deine Muster in Beziehungen besprechen, fragen wir auch: Wo ist dein Nervensystem schnell überreizt? Wo brauchst du mehr Rückzug als andere? Wo entstehen Konflikte, weil du Dinge anders wahrnimmst, nicht weil du „beziehungsunfähig“ bist?


Psychologische Arbeit verliert ihren strafenden Unterton und gewinnt an Tiefe, wenn ADHS als Grundlage mitgedacht wird.



  1. Der schmerzhafte Abschied von alten Erklärungen


Etwas, das selten ausgesprochen wird: Sich von den alten psychologischen Erklärungen zu lösen, ist nicht einfach. Es ist nicht nur ein Aha‑Moment, sondern oft ein schmerzhafter Prozess.


Vielleicht hast du jahrelang – manchmal jahrzehntelang – in genau diese Modelle investiert:


  • Du hast Therapien gemacht, Coachings besucht, Bücher gelesen, Kurse gebucht

  • Du hast an deinem inneren Kind gearbeitet, deine Glaubenssätze umgeschrieben, deine Beziehungsdynamiken analysiert

  • Du hast unendlich viel Zeit, Geld, Energie und Hoffnung hineingegeben in die Idee: „Wenn ich das alles sauber aufarbeite, werde ich irgendwann endlich so funktionieren wie die anderen.“


Und dann kommt ADHS ins Spiel – und plötzlich steht die Frage im Raum: „War das alles umsonst?“

Allein dieser Gedanke tut weh.


Viele Frauen erzählen mir:


  • „Ich fühle mich betrogen – von mir selbst, von Fachpersonen, vom System.“

  • „Ich schäme mich fast dafür, wie sehr ich geglaubt habe, ich könnte mich ‚reparieren‘.“

  • „Es ist, als müsste ich zugeben, dass ich die falsche Baustelle perfektioniert habe.“


Dieser Schmerz ist real. Er verdient Raum und darf gehört werden.


Ich sage Dir, es war nicht umsonst, aber es war nicht vollständig. Wichtig ist mir in der Arbeit mit meinen Klientinnen eine doppelte Wahrheit:

Ja, ein Teil dieser Anstrengung ist bitter, weil du merkst Du hast jahrelang gegen Dich gearbeitet, statt mit Dir. Und gleichzeitig war es nicht vergeblich, dass Du Dich selbst besser verstehen wolltest.


Viele der Dinge, die du gelernt hast, über Grenzen, Beziehungen, alte Verletzungen, Selbstmitgefühl, sind weiterhin sehr wertvoll. Sie passen nur jetzt in ein anderes Bild:


Nicht mehr: „Ich arbeite so lange an mir, bis ich neurotypisch funktioniere.“

Sondern: „Ich nutze meine psychologischen Erkenntnisse, um als neurodivergenter Mensch liebevoller und klüger mit mir umzugehen.“


Der Verlust liegt darin, dass du eine alte Hoffnung loslassen musst: die heimliche Vorstellung, doch noch irgendwann „ganz normal“ zu werden, wenn du dich nur genug anstrengst. Das zuzugeben, fühlt sich oft an wie ein kleines Sterben.



  1. Eine Einladung zur Trauer – nicht zur nächsten Aufgabe


An dieser Stelle möchte ich dich ausdrücklich einladen, NICHT die nächste Aufgabe aus dir zu machen. Du musst diese Erkenntnis nicht „richtig verarbeiten“, nicht „schnell annehmen“, nicht „noch besser daraus lernen“.


Du darfst schlicht trauern.


  • Um verlorene Zeit.

  • Um Wege, die an dir vorbeigegangen sind.

  • Um Diagnosen, die nie gestellt wurden.

  • Um Hoffnungen, dass du es irgendwann schaffst, „normal“ zu werden.


Trauer ist kein Projekt, das man effizient abarbeitet. Trauer ist ein Raum, in dem du sein darfst:


  • enttäuscht von Fachpersonen,

  • wütend auf Systeme, die dich übersehen haben,

  • traurig über dein jüngeres Ich, das sich so angestrengt hat, sich zu reparieren.


Du musst aus dieser Trauer nichts machen. Sie ist kein weiterer Entwicklungsschritt, den du abhaken sollst. Sie ist ein Zeichen, dass dir dein Leben wichtig ist – und dass du spürst, wie viel du getragen hast.


Wenn du magst, kannst du dir sagen:


  • „Ich lasse mir Zeit mit diesem Abschied.“

  • „Ich darf es bereuen, wie hart ich zu mir war.“

  • „Ich muss jetzt nichts sofort integrieren – ich darf erst einmal fühlen.“


Erst wenn diese Trauer sein darf, ohne Zweck, ohne To‑do, entsteht langsam Platz für etwas Neues.



  1. Was anders wird, wenn du deine Neurodivergenz ernst nimmst


Viele Frauen beschreiben nach einer (oft späten) ADHS‑Diagnose einen inneren Shift. Nicht in der Art: „Jetzt ist alles gut“, sondern eher:


  • „Plötzlich ergibt mein Leben rückwirkend Sinn.“

  • „Ich bin nicht kaputt, ich bin anders.“

  • „Ich verstehe zum ersten Mal, warum bestimmte Strategien für mich nie funktioniert haben.“


Was sich konkret verändern kann, wenn du deine Neurodivergenz nicht mehr nur psychologisch betrachtest:


  • Du hörst auf, jeden Rückschlag als moralisches oder emotionales Versagen zu interpretieren.

  • Du erlaubst dir, Rahmenbedingungen zu schaffen, die zu dir passen, statt dich in fremde Strukturen hineinzupressen.

  • Du beginnst, Hilfe als legitimes Werkzeug zu sehen (z.B. Medikation, Hilfsmittel, Strukturierungs‑Tools, Unterstützung im Alltag), statt als Beweis deines „Versagens“.

  • Du wirst milder mit dir, weil du erkennst: Es war nie Faulheit. Es war Überforderung in einem Raster, das nicht für dich gebaut wurde.



  1. Wie ich mit diesem Thema im Coaching arbeite


Wenn Frauen zu mir kommen, bringen sie oft eine beeindruckende Menge an Selbstreflexion mit. Sie können ihre Biografie analysieren, Muster benennen, Trigger identifizieren. 


Was sie selten mitbringen, ist die Erlaubnis, ihre Neurodivergenz als reale, körperlich spürbare Grundlage ernst zu nehmen.


Im Coaching tun wir deshalb unter anderem Folgendes:


  • Wir sortieren: Was ist vermutlich ADHS‑Kern (Exekutivfunktionen, Zeitgefühl, Impulsivität, Reizoffenheit), was sind gelernte Muster (Perfektionismus, People Pleasing, Konfliktvermeidung) und was sind Wunden (Abwertung, Beschämung, Ausgrenzung).

  • Wir entlasten: Wir schauen, an welchen Stellen du dich jahrelang mit psychologischen Erklärungen gequält hast, obwohl ein ADHS‑Blick dich früher hätte entlasten können.

  • Wir integrieren: Wir nutzen psychologische Modelle (innere Anteile, inneres Kind, Glaubenssätze), aber immer mit der Frage im Hintergrund: „Wie verhält sich das zu deinem neurodivergenten Nervensystem?“

  • Wir gestalten: Aus dieser neuen Sicht heraus entwickeln wir alltagstaugliche, kleine, realistische Veränderungen – angepasst an dein Energielevel, deine Art zu denken, deine Bedürfnisse.


Es geht nicht darum, die psychologischen Erklärungen wegzuschieben. Es geht darum, sie an den richtigen Platz zu stellen: als wichtige Teile eines größeren Bildes – nicht als alleinige Wahrheit.



Eine letzte Frage an dich:


Wenn du dich in diesem Text wiedererkennst, möchte ich dir zum Schluss eine Frage mitgeben – keine Aufgabe, nur eine Einladung:


Was, wenn nicht du falsch bist – sondern der Rahmen, in dem du dich bisher verstanden hast? Was, wenn dein ständiges Suchen nach psychologischen Gründen weniger mit „komplexen Defekten“ zu tun hat – und mehr damit, dass niemand dir beigebracht hat, deine Neurodivergenz als reale, wertvolle und ernstzunehmende Grundlage deines Erlebens zu sehen?


Du darfst beides haben:


  • eine Geschichte, die Spuren hinterlassen hat,

  • und ein Gehirn, das anders arbeitet.


Und du darfst aufhören, dich ausschließlich auf psychologischer Ebene zu reparieren, um endlich „normal“ zu werden.


Du bist nicht dafür gemacht, eine schlechte Kopie von neurotypisch zu sein. Du bist dafür gemacht, dich selbst so gut zu verstehen, dass du dein Leben nach der Logik deines eigenen Nervensystems gestalten kannst. Ohne To‑do‑Liste. Mit Trauer, wenn sie kommt. Und mit der leisen Möglichkeit, dass genau darin etwas wie Frieden entstehen kann.


Wenn Du eine Person kennst die das lesen sollte, leite den Beitrag gern weiter.


Und wenn du wissen möchtest, wie es jetzt beim Thema ADHS bei dir weitergehen könnte, melde dich gerne bei mir zu einem 👉 kostenlosen Orientierungsgespräch.


Liebe Grüße

Deine Anja


 
 
 

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