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Warum dein innerer Kritiker, als Frau mit ADHS, so hartnäckig ist und warum Therapie allein oft nicht reicht

  • vor 3 Stunden
  • 8 Min. Lesezeit

Ich höre in meinem Coaching immer wieder dieselbe Geschichte: Frauen, die schon sehr viel an sich gearbeitet haben. Die in der Therapie ihr inneres Kind kennengelernt, an ihrem Selbstwert gefeilt und sich mit ihrem inneren Kritiker auseinandergesetzt haben. Und trotzdem – er geht einfach nicht weg. Bei ADHS hat der innere Kritiker nämlich oft eine heimliche Funktion: Er kompensiert eine eingeschränkte exekutive Funktion, indem er über Druck kurzfristig Fokus erzeugt.


Das ist frustrierend. Vor allem, weil es sich anfühlt, als würde man etwas falsch machen. Dabei liegt der Grund oft woanders:

Viele Frauen mit ADHS haben ihren inneren Kritiker nie wirklich "gehen lassen können" – weil er heimlich eine Aufgabe übernommen hat. Und diese Aufgabe hat mit der exekutiven Funktion des Gehirns zu tun .





🎙️ Genau darüber habe ich in meinem Podcast mit der Schematherapeutin Claudia gesprochen. 🎧









In diesem Artikel fasse ich zusammen, was wir besprochen haben – aus schematherapeutischer und aus meiner Perspektive als ADHS-Coachin für erwachsene Frauen.


Kurz zusammengefasst


  • Der innere Kritiker bei ADHS ist oft kein rein psychologisches Muster, aus der Vergangenheit, sondern kompensiert oft, im Heute, eine eingeschränkte exekutive Funktion.

  • Druck erzeugt kurzfristig Fokus – deshalb "funktioniert" der Kritiker scheinbar, kostet aber langfristig Erschöpfung und Scham.

  • In der Perimenopause verliert dieser Mechanismus (Druck => Tun) durch sinkendes Östrogen oft an Wirkung – der Kritiker wird dann eher lauter statt leiser.

  • Therapeutische Arbeit an inneren Anteilen (Schematherapie) und Wissen über die eigene ADHS-Exekutive (Psychoedukation) müssen zusammenkommen, damit der Kritiker langfristig losgelassen werden kann.



Der innere Kritiker und der innere Erwachsene bei ADHS – kurz erklärt


Der innere Kritiker (auch innerer Antreiber genannt) ist ein Konzept aus der Schematherapie: der Teil in uns, der sich aus frühen, meist negativen Beziehungsbotschaften speist – von Eltern, Lehrer:innen, aus gesellschaftlichen Erwartungen. Claudia arbeitet als zertifizierte Schematherapeutin unter anderem mit diesem Konzept der inneren Anteile.


Der innere Kritiker klingt oft so:

"Du musst dich mehr anstrengen." "Die anderen wissen doch eh, dass du's nicht hinkriegst." "Du bist eh zu blöd, das zu schaffen."


Daneben gibt es das innere Kind, das für unsere Gefühle und Bedürfnisse steht. Und den Anteil, den wir eigentlich stärken wollen: den gesunden Erwachsenen – die Summe unserer Kompetenzen, unseres Wissens und unserer guten Erfahrungen. Er soll laut und präsent werden, weil er das innere Kind schützt und den inneren Kritiker in Schach hält.

In meinem Coaching erlebe ich viele Frauen, die genau an diesem Punkt schon sehr aufgeklärt sind. Sie kennen ihre Anteile, haben oft jahrelang daran gearbeitet, ihren gesunden Erwachsenen zu stärken – und stoßen trotzdem an eine Grenze. Warum, das erklärt der nächste Abschnitt.


Wenn du gerade denkst "das kenne ich" – genau diese Verbindung aus Selbstanteilen und ADHS-Wissen ist einer der Kernbausteine meines 12-wöchigen psychoedukativen Gruppenprogramms, mehr Infos findest Du hier 👉 "ADHS female edition".


Warum ich nur unter Druck funktioniere: Der innere Kritiker als ADHS-Kompensation


Wer mit ADHS nur unter Druck ins Handeln kommt, hat kein Motivationsproblem, sondern ein neurobiologisches: Die exekutive Funktion ist kein psychologisches Muster, sondern eine organische Funktion des Gehirns, die davon abhängt, wie viele neurochemische Botenstoffe wo im Gehirn zur Verfügung stehen. Bei ADHS ist genau diese Funktion anders.

Das bedeutet konkret: Es gelingt vielen Menschen mit ADHS nicht zuverlässig, eigene Absichten in konkrete Handlung zu übersetzen – es sei denn, sie stehen unter Druck. Dann funktioniert es oft plötzlich. Der Grund:

Druck, Angst oder eine nahende Deadline setzen Stresshormone frei, die kurzfristig Fokus und Antrieb ermöglichen.

Und genau hier wird es interessant: Der innere Kritiker – so unfreundlich er ist – schafft es oft, über Abwertung und Angst diesen inneren Druck aufzubauen. Er wird dadurch, ohne dass wir es merken, funktional. Solange keine alternative Strategie für die eigene Exekutive bekannt ist, "hilft" er scheinbar. Und genau das macht ihn so schwer loszulassen.

Claudia beschreibt das aus der Therapieperspektive so: Je lauter der innere Antreiber, desto größer der Druck auf das innere Kind – Stress, Angst, manchmal Ärger.


Und genau dieser Druck auf der "inneren Bühne" führt zu Stressreaktionen im Gehirn, die den Fokus ermöglicht. Eine ungünstige Lernerfahrung entsteht: Unter Druck funktioniert es – und der innere Kritiker wird weiter am Leben gehalten.


Wenn „reinstressen“ nicht mehr funktioniert: ADHS, innerer Kritiker und Perimenopause


Besonders herausfordernd erlebe ich diesen Mechanismus bei Frauen in der Perimenopause. Viele haben über Jahre gelernt, sich über Druck und Stress in Bewegung zu bringen – und das hat lange irgendwie funktioniert.

Doch mit sinkendem Progesteron & Östrogenspiegel verändert sich auch die Stressreaktionen im Gehirn, wodurch genau dieser bewährte Mechanismus zunehmend an Wirkung verliert.


Viele Frauen erleben dann zum ersten Mal, dass selbst hoher, selbstgemachter Druck keine Handlung mehr auslöst – der Motor springt einfach nicht mehr an, egal wie kurz die Deadline noch ist. Und weil der innere Erwachsene in diesem Moment noch keine Alternative kennt, reagiert der innere Kritiker meist so: Er wird noch lauter, noch härter – in der unbewussten Hoffnung, doch noch den alten Effekt zu erzielen. Für viele Frauen ist genau das ein zutiefst verunsichernder Moment, weil die einzige bisher bekannte Strategie plötzlich ins Leere läuft.


Warum Therapie allein oft nicht reicht: Die Falle des neurotypisch aufgebauten "gesunden Erwachsenen"


Therapie allein reicht bei ADHS oft deshalb nicht aus, weil der aufgebaute "gesunde Erwachsene" meist mit neurotypischen Strategien denkt – Strategien, die an der ADHS-Exekutive vorbeigehen. Das ist der Punkt, an dem Frauen oft in der Therapie hängen bleiben und der mir in meiner Arbeit am häufigsten begegnet.


Man baut einen gesunden Erwachsenen auf, der gute, kluge, fürsorgliche Sätze sagt: "Die Prüfung ist in fünf Wochen. Wir machen einen Plan, jeden Tag ein bisschen, wir fangen früh genug an." Das klingt vernünftig. Nur: Wenn dieser Plan neurotypisch gedacht ist, also nicht berücksichtigt, wie die eigene Exekutive tatsächlich funktioniert, wird er scheitern. Und dann hat der innere Kritiker scheinbar recht: "Hab ich's doch gesagt, es klappt nicht ohne mich."


Für Frauen ohne (bisherige) ADHS-Diagnose ist das besonders belastend. Sie haben sich bemüht, ein Konzept zugelassen, sich verändern wollen und merken trotzdem, dass es im Alltag nicht trägt. Das erzeugt zusätzliche Scham und Ratlosigkeit, weil der naheliegende Schluss lautet: "Ich habe wieder versagt", statt "Der Plan war für mein Gehirn nicht passend." Frauen werden im Schnitt drei bis vier Jahre später als Männer mit ADHS diagnostiziert – entsprechend lange wurde der innere Kritiker, ausVersehen, gefüttert.

Das fehlende Puzzelstück ist häufig die Psychoedukation: Der innere, gesunde Erwachsene muss wissen, dass er es mit einem ADHS-Gehirn zu tun hat.

Genau dieser Übergang – vom "ich weiß, was ich tun sollte" zum "ich weiß, wie es für mein ADHS-Gehirn tatsächlich funktioniert" – ist der Kern dessen, was wir in "ADHS female edition" über zwölf Wochen gemeinsam erarbeiten.


Der Preis des inneren Antreibers: Erschöpfung, Scham und Burnout bei ADHS


Bevor man den inneren Kritiker "entmachten" kann, muss klar sein, was er eigentlich kostet. Denn nach außen – und oft auch nach innen – funktioniert er ja zunächst: die Steuererklärung wird am Wochenende doch noch fertig, die Wohnung nachts um zwölf noch geputzt. Es sieht aus wie Leistungsfähigkeit.


Der Preis dafür ist aber real:

Viele Frauen, die zu Claudia in die Therapie kommen, haben bereits eine Depression, ein Burnout, Panikattacken oder eine Essstörung hinter sich. Der ständige, selbst erzeugte Druck erschöpft körperlich, mental und emotional.

Leider blockiert diese Erschöpfung am Ende auch die Ressourcen, die man bräuchte, um den gesunden Erwachsenen überhaupt aufzubauen und zu halten.


Claudia arbeitet in ihrer Praxis unter anderem mit Stuhldialogen: Der innere Kritiker bekommt einen Stuhl, das innere Kind einen anderen. Viele Klientinnen merken erst dort körperlich, was der Kritiker wirklich mit ihnen macht – Enge in der Brust, Druck auf den Schultern. Das ist oft der Moment, in dem die Frage entsteht: Bin ich wirklich noch bereit, diesen Preis zu zahlen?


Was wirklich hilft: ADHS-gerechte Strategien statt innerem Druck


Es geht nicht um Schematherapie oder Psychoedukation – sondern um beides zusammen. Ein gesunder Erwachsener, der ADHS-gerecht denkt, führt nicht weniger klar als der innere


Aus dem Kritiker kann so ein wohlwollender Wegweiser werden:


  • Er zerlegt große, diffuse Aufgaben in kleine, konkrete erste Schritte ("Wir schreiben jetzt nur die ersten fünf Schritte zur Steuererklärung auf") statt globale Forderungen zu stellen.

  • Er rechnet reale ADHS-Muster mit ein, statt sie zu bekämpfen – zum Beispiel, dass die letzten Stunden vor einer Deadline oft die produktivsten sind, und plant das bewusst mit ein, statt sich dafür zu verurteilen.

  • Er sucht Fokus und Dopamin über Neugier, Abwechslung und Spannung statt über Druck: Musik, Body Doubling, gestalterische Elemente, bewusst gesetzte kleine Deadlines.

  • Er spricht wohlwollend und zugewandt, auch wenn er etwas einfordert – "Komm, wir legen das Handy kommt jetzt in die Schublade" statt "Du schaffst das eh nie."


Wir nenne das eine Kooperation im Inneren statt eines Kampfes: Der gesunde Erwachsene hilft der eigenen Exekutive, anstatt sich selbst fertigzumachen. Und dafür braucht es beides – das Wissen über die eigene Exekutive und die Fähigkeit, mit den eigenen inneren Anteilen zugewandt umzugehen.

Fazit und Ausblick


Der innere Kritiker bei ADHS ist kein Zeichen von zu wenig Therapie oder mangelnder Willenskraft. Er ist oft die – unbewusste – Antwort auf eine Frage, die noch nicht anders beantwortet wurde: Wie komme ich ins Handeln, wenn meine Exekutive anders funktioniert? Solange diese Frage offenbleibt, hält ein Teil in uns unbewusst am Kritiker fest, weil er wenigstens irgendwie oder früher mal "funktioniert" hat – auch wenn der Preis hoch ist.

Erst wenn schematherapeutische Arbeit an den inneren Anteilen und psychoedukatives Wissen über die eigene ADHS-Exekutive zusammenkommen, kann der gesunde Erwachsene wirklich übernehmen – liebevoll, klar, und auf eine Art, die zum eigenen Gehirn passt.


Wenn du merkst, dass genau dieses Muster – viel therapeutische Arbeit, aber noch kein Alltag, der wirklich trägt – auch deins ist: Genau an dieser Schnittstelle setze ich mit "ADHS female edition" an, meinem 12-wöchigen psychoedukativen Gruppenprogramm für erwachsene Frauen mit ADHS. Dort erarbeiten wir gemeinsam, wie ADHS-gerechte Strategien für deinen Alltag konkret aussehen können.




Wie ist deine Erfahrung mit deinem inneren Kritiker oder deinem inneren Erwachsenen? Schreib es mir gerne in die Kommentare – ich freue mich darauf, mit dir ins Gespräch zu kommen.


Herzliche Grüße,

Anja



Häufige Fragen (FAQ)


Warum hilft Therapie oft nicht ausreichend gegen den inneren Kritiker bei ADHS?

Weil klassische Therapiearbeit an inneren Anteilen zwar den gesunden Erwachsenen stärkt, ihm aber oft kein Wissen über die ADHS-typische exekutive Funktion mitgibt. Ohne dieses Wissen greift der gesunde Erwachsene zu neurotypischen Strategien, die bei ADHS nicht tragen – der innere Kritiker bekommt scheinbar recht und wird dadurch sogar stärker.

Bei ADHS ist die exekutive Funktion – die Übersetzung von Absicht in Handlung – neurobiologisch eingeschränkt. Akuter Druck oder eine nahende Deadline setzen Stresshormone frei, die kurzfristig Fokus und Antrieb ermöglichen. Der innere Kritiker nutzt genau diesen Mechanismus, indem er über Abwertung Druck erzeugt – mit hohem Preis auf Dauer.

Weil er in diesem Fall keine rein psychologische, sondern auch eine funktionale Rolle übernommen hat: Er kompensiert eine eingeschränkte exekutive Funktion. Solange keine alternativen, ADHS-gerechten Strategien bekannt sind, hält der gesunde Erwachsene unbewusst am Kritiker fest, weil er (noch) keinen Ersatz für seine Wirkung hat.

Der innere Kritiker treibt über Abwertung, Druck und Angst an. Der gesunde Erwachsene führt liebevoll, aber klar – und bei ADHS zusätzlich mit Wissen über die eigene Exekutive: Er zerlegt große Aufgaben in kleine Schritte, statt zu fordern, und sucht Motivation über Neugier und Interesse statt über Stress.

Weil der bisher funktionierende Druck-Mechanismus durch die hormonelle Veränderung an Wirkung verliert: Sinkendes Östrogen beeinflusst die Dopamin- und Noradrenalin-Regulation im Gehirn. Selbst hoher, selbst erzeugter Druck löst dann keine Handlung mehr aus – der innere Kritiker versucht daraufhin, mit noch mehr Härte den alten Effekt zu erzwingen.

Indem zwei Dinge zusammenkommen: die therapeutische Arbeit an den inneren Anteilen (z. B. Schematherapie) UND das psychoedukative Wissen über die eigene ADHS-Exekutive. Erst wenn der gesunde Erwachsene weiß, wie ADHS-gerechte Strategien aussehen, kann er den Kritiker wirklich ersetzen, statt nur zu unterdrücken.


 
 
 

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