top of page

ADHS, Unsicherheitsintoleranz und Labeling - Falle oder Ausweg?

  • 29. Mai
  • 8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 24. Juni


Fühlt sich Unsicherheit für Dich auch manchmal an, als würdest Du "vor eine Wand stoßen"? Hinterlässt Dich Nichtwissen nervös? - Damit bist Du nicht alleine.


Hallo! Ich bin Viviane und arbeite bei Spektrumfrau in den Bereichen Online-Marketing, PR und Community-Management. Vielleicht bist du mir schon über einen Blogartikel, Instagram-Beitrag oder unsere Website begegnet. Außerhalb meiner Arbeit studiere ich Philosophie und Psychologie im Bachelor. Neben dem Wunsch, ADHS und den Umgang damit aus psychologischer Sicht zu verstehen, ist es mir wichtig, einen kritischen Umgang mit der aktuellen Medienlandschaft zum Thema ADHS bei Frauen zu pflegen.


Obwohl ADHS-Diagnosen bei Frauen sich in der Zahl (endlich) an die von Männern angleichen, weil differenziertere Diagnosemethoden entwickelt wurden, werden viele Frauen weiterhin in ihrem Erleben nicht ernst genommen.


Ich beobachte dieses Muster: Angebote tauchen genau dort auf, wo Menschen besonders verletzlich sind oder dringend nach Antworten suchen. Das wirkt zunächst hilfreich, birgt aber die Gefahr, dass Dein Bedürfnis nach Klarheit für unternehmerische Zwecke ausgenutzt werden könnte. Bei Frauen mit ADHS passiert das besonders schnell, weil ihr ADHS häufig erst spät erkannt wird. Außerdem sehe ich, dass vielen Frauen die Mittel fehlen, um mit ihren Symptomen auf eine Art und Weise umzugehen, die ihren individuellen Lebensumständen gerecht wird. Vor diesem Hintergrund ist es vollkommen verständlich über unterschiedlichste Angebote nach diesen Mitteln zu suchen. Häufig befriedigen sie aber nicht das Bedürfnis nach einer tatsächlich passenden Erklärung und Hilfe, sondern nur das Bedürfnis nach Wegweisung.


Mit diesem Artikel möchte ich Dir einen Weg vorstellen, denn ich glaube, dass Sicherheit und Vertrauen im eigenen Erleben entstehen können. Erst wenn Du diese innere Stabilität gewonnen hast, ist es Dir möglich, Entscheidungen zu treffen, die sich ruhig, überlegt und persönlich anfühlen. Und genau deshalb ist es wichtig zu lernen, sich selbst zu verstehen - ganz ohne, dass Dir jemand sagt, wer Du zu sein hast. Zu unterscheiden zwischen Angeboten, die Dir dabei helfen, und denen, die nicht darauf abzielen, ist aber gar nicht so leicht. Deshalb findest Du in diesem Blogartikel auch ein paar Punkte zum Thema: Worauf muss ich achten?”. Ergänzend findest Du auf unserer Website einen weiteren Blogartikel der sich nur der Frage: Welches Angebot passt zu mir?” widmet.


Wenn sich das Bedürfnis nach Gewissheit in der Ungewissheit nicht aushaltbar anfühlt, so dass Entscheidungen, Handlungen und Gedanken im Alltag dadurch bestimmt werden, spricht man von einer hohen Unsicherheitsintoleranz.

In der Hoffnung, nicht mehr nach Erklärungen für Deine Herausforderungen suchen zu müssen, sehnst Du Dich vielleicht nach einem Wort, mit dem Du Dich vollkommen identifizieren kannst. Das sind Labels – Begriffe, die einem selbst oder fremdzugewiesen werden und im psychologischen Kontext häufig zu Selbstdiagnosen führen.


Unsicherheitsintoleranz ist nicht selten und kann ausgenutzt werden. Zum Beispiel indem auf Social Media Labels angeboten werden. In Zeiten, in denen wir uns nach Orientierung oder einem Wegweiser sehnen, stellen Labels häufig eine Befreiung dar. Sie sind attraktiv, weil sie einem sagen, wo man Antworten finden kann. Trotzdem sollten sie mit Vorsicht genossen werden.


Um die Frage, wie man mit oder trotz Labeling Sicherheit in der Unsicherheit findet, dreht es sich in diesem Blogartikel.



Inhalt



Was sind Labels?


Ein Label ist eine Benennung, unter der eine kollektive Erfahrung zusammengefasst werden soll.

Du würdest vielleicht über Dich selbst sagen: „Ich bin eine Person mit ADHS. Einerseits, weil Du Dir darunter etwas vorstellen kannst. Andererseits, weil der Begriff auch von anderen Personen erkannt und benutzt wird.


Beispielsweise gibt es eine Vielzahl an Büchern mit Titeln wie "ADHS im Griff" oder "Der ADHS Survival Guide", die sich des ADHS-Begriffs bedienen, um eine bestimmte Zielgruppe anzusprechen. So wird der Begriff zum Label. Er wird sozusagen zum leicht erkennbaren Aushängeschild, das sofort erkennen lässt, worum es geht und wer angesprochen wird.


Ein Label kann so auf einzigartige Weise sowohl Exklusivität als auch Inklusivität vermitteln. Wenn der Begriff genau so gewählt ist, dass er eine große Gruppe anspricht, sie aber trotzdem von der Allgemeinheit abhebt, kann ein Label für viele Menschen einen Schutzraum bieten.


Warum Labels so entlastend wirken


Labels sind bei Unsicherheit vor allem eins – entlastend. Sie können uns in wenigen Worten die lang erhoffte Antwort darauf geben, was wir als Nächstes tun sollen: Was und wer kann mir helfen? Das gibt Stabilität und Richtung


Labels...


  • ...sparen Energie.

  • ...reduzieren Komplexität.

  • ...geben ein Gefühl von Zugehörigkeit.

  • ...liefern sofort eine Handlungsanweisung.


Leider aber meist nur temporär.


Dadurch, dass Labels uns Lösungen bieten, fühlt sich sie anzunehmen auch häufig nach dem Anfang eines neuen Lebensabschnitts an. Das ist ein Gefühl, das Dir vermutlich nicht neu ist. Desto größer ist die Enttäuschung, wenn dieser neue Abschnitt dann doch nur eins ist.Teil eines Musters:


Im Versuch, Dich selbst differenziert einzuordnen, triffst Du auf Informationsüberflutung. Noch mehr als vorher weißt Du jetzt nicht mehr, wohin mit Dir selbst.

Das Bedürfnis nach Antworten steigt immer mehr und dann, plötzlich, die Erlösung: Endlich ein Begriff, der so richtig zu Deinem Erleben passt. Du fühlst Dich zwischen all der Verwirrung endlich gesehen. Du findest vielleicht sogar jemanden, der Dir helfen kann, mit Deinem Erleben besser umzugehen. 

Vielleicht erwischst Du Dich manchmal dabei, Dich selbst zu 100% mit einem Label/Begriff zu identifizieren – sei es ADHS, Depressionen, Angststörungen. Deine Identifizierung kann so weit gehen, dass Du Dich geradezu als Musterexemplar für dieses Label fühlst.


Nach einiger Zeit merkst Du leider: Dieses Label zu bedienen hilft Dir nicht mehr und Du gehst wieder auf die Suche, findest ein neues.


Über die Jahre hinweg beobachtest Du dieses Spiel.



Gerade bei Frauen mit ADHS ist dieser Kreislauf nicht ungewöhnlich. 


Und desto mehr Labels Dir geboten werden, desto größer wird das Problem. Auf einmal erkennst Du Dich in allem, hinterfragst Deine eigene Wahrnehmung. Und das ist verständlich, denn wenn das Gefühl der Unsicherheit Dich verloren fühlen lässt, ist es vollkommen logisch nach Gewissheit zu greifen, sobald sie in Reichweite ist. Das Problem: Dieser Kreislauf ist anstrengend. Es kann sein, dass Du einen Punkt erreichst, an dem Du das Gefühl hast – jetzt geht gar nichts mehr.


Meistens endet Unsicherheitsintoleranz in mindestens einem von zwei Dingen: Impulsivität oder Handlungsparalyse.

Und auch eine Handlungsparalyse kann sich sehr unangenehm anfühlen. Sie ändert nämlich nichts an dem Bedürfnis nach Antworten.



Warum Labels bei ADHS besonders verführerisch sind


Ein Vortrag der American Psychiatric Association legt nahe, dass Unsicherheitsintoleranz bei ADHS häufiger vorkommt als bei neurotypischen Menschen und gleichzeitig impulsiven Entscheidungen zugrunde liegt.

Einer dieser Impulse kann Labeling sein, denn es bietet einen schnellen Ausweg aus dem unwohlen Gefühl der Unsicherheit.


Aber warum ist das so gefährlich?


Wie Du vielleicht aus eigener Erfahrung oder auch Fremdbeobachtung weißt, wird bei neurodivergenten Frauen oft erst psychologisiert (👈 dazu gibt's auch einen Blogartikel), bevor die eigentliche Ursache – ihre Neurobiologie – tatsächlich erkannt wird. Es ist also nicht nur normal, nach Sicherheit durch Labels zu suchen; Frauen mit ADHS fühlen sich häufig vor der 'richtigen' ADHS-Diagnose besonders auf sie angewiesen. 


In dem Wunsch, sich endlich zu verstehen, endlich die Erlaubnis zu bekommen zu handeln, verliert man sich schnell in einem unbefriedigenden Kreislauf von Hoffnung, Erlösung, Enttäuschung. Denn meistens passt das Label einfach nicht. Das führt zu Frust, ständiger Suche und häufig auch Kaufentscheidungen, die ins Leere führen.



Wie Unternehmen und Influencer Deine Unsicherheit nutzen


Influencer, Firmen usw. wissen das. Sie wissen, dass es sich gut anfühlt, sich selbst und der eigenen Erfahrung einen Begriff zu geben. Sie wissen, dass es sich gut anfühlt, anerkannt zu werden - unabhängig davon, ob die Anerkennung Dir gilt oder einer Gruppe, der Du Dich zugehörig fühlst.


Mit immer mehr Content wird Deine Unsicherheit verstärkt und das kann benutzt werden, um Dich zu einer schnellen, impulsiven Entscheidung zu drängen. Deine Unsicherheit kann Dir ein Gefühl von Vertrauen in Personen/Gruppen geben, die Dir zwar einen Ausweg versprechen, aber nicht vertrauenswürdig sind.



Wie Du zwischen hilfreicher Orientierung und bloßer Beruhigung unterscheiden kannst


Lass Dir Zeit und halte Dir vor Augen, dass Du Dich nicht für einen Begriff entscheiden musst und stattdessen versuchen kannst, Sicherheit in Deiner Erfahrung zu finden. Auch wenn Du sie nicht benennen kannst, darfst Du einfach tun, was Dir hilft. Auch wenn Du noch nicht ganz verstehst warum. Sogar wenn es nicht vollständig zu dem Begriff passt, mit dem Du Dich aktuell identifizierst.


Vielleicht lernst Du mit der Zeit, dass dieses Label gar nicht Deins ist, vielleicht ist es es und Deine individuelle Erfahrung ist einfach nie der einer anderen gleich. 

Tatsächlich gibt es kein 'Soll'.


Bevor Du Dir ein Label zu eigen machst, kann es also helfen zu fragen: Passt das wirklich zu mir oder wird hier meine Unsicherheitsintoleranz ausgenutzt?


Versuche Dir folgende Fragen zu stellen: 


  • Werde ich zu Entscheidungen gedrängt? 

  • Werden mir Versprechen gemacht, WEIL ich Teil einer Gruppe bin?

  • Mach ich mir wegen eines Labels lauter Symptome zu eigen, die vielleicht gar nicht vorhanden sind?

  • Würde ich dieselbe Entscheidung treffen, wenn ich gerade nicht unsicher wäre?



Das ADHS Label


Auch der Begriff ADHS wird häufig mehr als Label als zur Anerkennung einer neurobiologischen Realität gebraucht. Das kann dazu führen, dass Behandlungen unergiebig bleiben. Wenn anstatt Deine persönliche Erfahrung und Symptomatik zu betrachten, viel eher eine Menge an Symptomen bedient wird, die unter den Begriff ADHS fallen. Und das unabhängig davon, ob sie auf Dich zutreffen oder nicht.


Das kann unglaublich frustrierend sein und vor allem zu der Annahme führen, dass es keine Erleichterung gäbe, wo es sie eigentlich geben könnte. Auf unserer Website findest Du Blogartikel, die Dir helfen zu erkennen, welche Angebote gerade für Dich hilfreich sein könnten 👉





Was jetzt?


Ein Ansatz, damit umzugehen, ist, sich an das zu halten, was man von sich weiß. Ich kann zum Beispiel wissen, dass ich mich unruhig fühle, dass ich vergesslich bin, dass ich niedergeschlagen bin.

Es kann helfen, bei genau diesem Erleben anzusetzen und zu überlegen, vielleicht auch zu recherchieren: "Was kann ich tun, damit ich mich in diesen Erfahrungen wohler fühle?" Anstatt zu fragen "Was kann ich gegen mein ADHS tun?".



An der Stelle setzt auch psychoedukatives Coaching an. Denn auch wenn Du erkannt hast, dass es sich tatsächlich um ADHS handelt, gibt es keine einheitliche 'Lösung'. Du kannst Deinen Alltag nur an Deine individuellen Bedürfnisse anpassen, nicht nach einer 'ADHS-Schablone'. Um das zu schaffen, musst Du diese Bedürfnisse aber erstmal erkennen können; dazu gehört viel mehr als eine Diagnose. 


Lass Dich begleiten.


Willst Du lernen Dein Erleben individuell einzuordnen? Möchtest Du Deinen Alltag genau so gestalten, dass er sich an Deinen Bedürfnissen orientiert?

Lass uns sprechen.


Anja Matthausch - Deine ADHS-Coachin
Anja Matthausch - Deine ADHS-Coachin


Fazit: Deine Erfahrung ist gültig, auch ohne sofortige Erklärung.


Sobald Du Dich nicht mehr in einem Zustand von Dringlichkeit befindest, ist es auch leichter – nicht aus Zwang, sondern aus Interesse eine Erklärung zu finden. Wichtig bleibt aber: Von dieser Erklärung muss Deine Selbstfürsorge nicht abhängen. 


Liebe Grüße

Deine Vivi



FAQ - Unsicherheitsintoleranz und Labeling


  1. Was bedeutet Unsicherheitsintoleranz?

Von Unsicherheitsintoleranz spricht man, wenn sich das Bedürfnis nach Gewissheit in der Ungewissheit nicht aushaltbar anfühlt. Wenn Entscheidungen, Handlungen und Gedanken im Alltag dadurch bestimmt werden, ist diese Unsicherheitsintoleranz hoch.

Nicht unbedingt, aber Frauen mit ADHS sind häufig unsicher. Wegen zu späten Diagnosen, fehlender Anerkennung der eigenen Symptome oder Psychologisierung bei einem neurobiologischen Thema. Dazu gibt es Hinweise darauf, dass eine hohe Unsicherheitsintoleranz bei ADHS häufiger vorkommt und impulsives Verhalten verstärken könnte, das wieder mehr Unsicherheit verursacht.

Das ADHS-Label bietet wie jedes andere in erster Linie Erleichterung und kann Dir helfen, besser zu verstehen, warum Du das, was Du erlebst, erlebst.

Es kann passieren, dass dein Bedürfnis Lösungen für deine Symptomatik zu finden ausgenutzt wird. Wenn Du Dich zu hundertprozent mit dem Begriff identifizierst, schlägt das häufig in die Erwartung über, alles, was bei ADHS "helfen" soll, müsse auch bei Dir helfen. Du steckst also sehr viel Hoffnung in eine Person, ein Produkt o.Ä. weil es "für ADHS" gelabelt ist, wirst dann aber schnell enttäuscht, wenn sich herausstellt, dass das "ADHS-Erlebnis" doch nicht universell gleich ist.

Es kann helfen, beim eigenen Erleben anzusetzen und zunächst einen Umgang mit den Symptomen zu finden, die man an sich selbst erkennt. Das geht schon vor einer begrifflichen Zuordnung und baut ein besseres Verständnis für Dich selbst auf, so, dass Du mit Labels differenzierter und auf Deine Bedürfnisse zugeschnitten umgehen kannst.



 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page